Was ist der Ernst des Lebens ?
Viele von uns kennen noch den Spruch: Bald ist die schöne Zeit vorbei, bald beginnt der Ernst des Lebens. In dem Bilderbuch "Der Ernst des Lebens" von Sabine Jörg bekommt ein Vorschulkind gesagt: y2Wenn du in die Schule kommst, beginnt der Ernst des Lebensy". Und das Kind warte nun auf den "Ernst" des Lebens, der dann in Form eines Jungen eintrifft, der Ernst heisst ;) Ein witziges Buch, dass sich mit den Kindern zu lesen lohnt.
Aber der so genannte "Ernst des Lebens" beginnt nicht erst, wenn der erste Schultag da ist, sondern schon im letzten Kindergartenjahr, wo es neben der "normalen" Kindergartenarbeit erforderlich ist "Vorschularbeit" zu leisten. Diese Vorschularbeit ist wichtig für die Kinder und für die Eltern. Die Eltern sehen, ihr Kind wird gesondert gefördert und auf den nächsten Lebensabschnitt vorbereitet. Die andere Förderung, die jeden Tag geschieht, ist nicht sichtbar für die Eltern, also auch meist nicht vorhanden, denn spielen kann das Kind auch daheim. Eltern wollen eine sichtbare Arbeit an und mit ihrem Kind. Der Kindergarten arbeitet zwar tagtäglich mit den Kindern, aber das, was viele Eltern nur wahrnehmen, ist die gezielte Förderung im letzten Kindergartenjahr. Der Kindergarten ist 3 Jahre lang Vorbereitung auf die Schule, aber das letzte Jahr ist sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder.
Früher glaubte man, dass den Kindern nur genügend Zeit zum "reifen" und "wachsen" gegeben werden muss, dann käme die Schulreife und Schulfähigkeit von alleine. In den 70ziger Jahren waren die Arbeitsblätter die Vorbereitung auf die Schule und es wurde sehr viel mit Kimspielen gearbeitet. Das wichtigste waren früher die kognitiven Fähigkeiten, vielerorts übten die Kinder schon vor der Einschulung Zählen und Buchstaben. In den späten 80zigern kamen vielerorts die Zeiten, in denen es hieß, wir machen 3 Jahre Vorbereitung auf die Schule in der Kindergartenzeit, da muss keine gesonderte Förderung stattfinden und heute, im Zuge von Pisa und dem schlechten Abschneiden im Pisatest, wird ein Umdenken bei der Förderung der Kindergartenkinder erforderlich.
Wann ist ein Kind Schulfähig ?
Schulfähigkeit heisst nicht, dass die Kinder alles wissen müssen und alle Anforderungen schon erfüllen können. Die Frage der Schulfähigkeit sollte eher dahingehend beantwortet werden, wenn man sich fragt: "Ist dieses Kind fähig und bereit ein Schulkind zu sein ?" Schulfähig ist ein Kind dann, wenn wir ihm zutrauen, den Alltag in der Schule zu bewältigen und zu bestehen. Die Schule ist nach dem Kindergarten ein grosser und verwirrender Ort. Die Kinder kommen aus ihrer Regelgruppe im vertrauten Kindergarten und der "behütenden" ErzieherIn in eine riesengrosse Einrichtung. Sie treffen in den Pausen auf bis zu 250 Kinder und einer Aufsichtsperson und die grösseren sind nicht immer nett zu den I-Dötzchen. In den Klassen sind im Durchschnitt ca. 25 - 30 Kinder und die Erstklässler müssen nun den Anforderungen gerecht werden, die die Schule an sie richtet. Der Alltag der Kinder wird auf einmal komplett auf den Kopf gestellt. Die Kinder können nicht mehr Essen wann sie wollen, nicht aufstehen und toben wie sie es möchten, nicht spielen gehen, wenn sie Lust dazu haben. Das Kind MUSS zuhören, ob es gerade möchte oder nicht und es darf nur dann sprechen, wenn es an der Reihe ist. Es muss lernen mit vielen Verhaltensweisen und verschiedenen Lehrmethoden zu Recht zu kommen. Schule ist ausserdem körperlich anstrengend. Das Kind muss, je nach Unterrichtsstil der Lehrperson, still sitzen und das längere Zeit am Stück, selbstständiges Arbeiten und das Umsetzen von Arbeitsanweisungen sind nun das A & O im Schulalltag. Im Kindergarten ist meist eine ErzieherIn dem Kind helfend zur Hand gegangen, im Schulalltag müssen die Kinder ihre Aufgaben alleine lösen und bewältigen. Es ist viel, was auf die Kinder zukommt und das ist auch nur zu bewältigen, wenn vorher eine entsprechende Förderung erfolgte.
Schulfähigkeit erfordert bestimmte Fähigkeiten, damit das Kind sich im Schulalltag zurechtfinden kann.
Wenn diese Fähigkeiten der Kinder während der Kindergartenzeit ausreichend gefördert wurden, dann hat das Kind weniger Probleme, den Start und Einstieg in den Schulalltag gut zu bewältigen. Diese Fähigkeiten sind der Schlüssel für die Kompetenzen, die die Kinder brauchen um erfolgreich die Grundschulzeit zu durchlaufen. Nur das Zusammenspiel aller Kompetenzen ist erfahrungsgemäss der Erfolgs-Schlüssel für den Schulerfolg.
Schulfähigkeit bedeutet ein Zusammenspiel vieler Kompetenzen, die erfahrungsgemäss für den Schulerfolg von Bedeutung sind. Diese werden im Kindergarten gefördert und beobachtet.
Ich-Kompetenz oder Selbstkompetenz
Damit wird die Fähigkeit bezeichnet, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln.
Beim Spielverhalten:
- Kann es selbständig spielen?
- Kann das Kind sich an die Regeln halten?
- Kann es bei einem Spiel verweilen oder lässt es sich ablenken?
- Kann es sich unterordnen? Spielt es intensiv?
- Nimmt es überwiegend die Anführerposition ein?
- Zeigt es eigene Spielideen?
- Kann es seine Ideen umsetzen?
- Orientiert es sich immer am Spiel der Anderen?
- Greift es in das Spiel der anderen Kinder ein?
- Lässt es sich aus Spielsituationen verdrängen?
- Sucht es sich Spielpartner selber aus oder wird es ausgesucht?
Arbeitsverhalten:
- Ist das Kind an Neuem interessiert?
- Versteht das Kind Anweisungen rasch oder braucht es mehr Hilfe ?
- Arbeitet das Kind selbständig und konzentriert oder fahrig und nicht alleine?
- Ist es ist belastbar und gibt nicht sofort auf?
Sozialkompetenz
Die Sozialkompetenz bezieht sich darauf, wie das Verhältnis des Kindes zu seinen Mitmenschen und seiner Umwelt ist. Die Sozialkompetenz bezeichnet die Bereitschaft und Fähigkeit andere Mitmenschen, seien es Kinder oder Erwachsene, mit ihren Bedürfnisse, Interessen und Erwartungen wahrzunehmen. Darin enthalten ist auch die Bereitschaft, die Signale seiner Umwelt im eigenen Verhalten zu berücksichtigen und umzusetzen.
Kontakte und Verhalten in der Gruppe:
- Haben das Kind Kontakt zu Anderen?
- Wie reagiert es auf Kontakt?
- Nimmt das Kind Rücksicht auf andere Kinder?
- Wie sucht das Kind Kontakt? Verbal oder Motorisch?
- Berührt es die Anderen und lässt das Kind sich berühren?
- Fordert es andere auf, etwas zu tun?
- Geht das Kind auf Aufforderungen der anderen ein?
- Greift das Kind andere körperlich an? Wenn ja, aus welchem Grund?
- Hilft es anderen? (Ankleiden, Aufräumen, Basteln, etc...)
- Bezieht es andere in Spielsituationen mit ein? Nimmt es andere in Schutz?
- Nimmt es anderen etwas weg? Kann es Konflikte selber lösen?
- Wie werden Spielzeug oder Sandburgen verteidigt? Verbal, körperlich oder ruft es die Erzieherin?
- Wie reagiert es auf Zerstörung seiner Sachen?
- Wann und wie nimmt das Kind Kontakt zur Erzieherin auf?
- Wie reagiert das Kind auf Bitten, Anordnungen und Aufforderungen der Erzieherin?
Konfliktverhalten:
- Vertritt es die eigene Meinung und setzt sich dafür ein ?
- Bemüht sich um eine verbale Konfliktlösung?
- Kann das Kind Gefühle ausdrücken?
- Kann das Kind Gefühle von sich und anderen wahrnehmen ?
Kooperation bei gemeinsamen Aktionen:
- Kann es mit anderen Kindern zusammen etwas planen und durchführen?
- Kann es sich in der Gruppe einfügen und unterordnen?
- Kann es sich an Abmachungen halten?
- Ist das Kind kompromissbereit?
Sachkompetenz
Mit Sachkompetenz ist die Fähigkeit gemeint, für die Umsetzung einer Aufgabe sein vorhandenes Wissen und die Fähigkeiten, die es hat, einsetzen zu können.
Lernen:
- Kann es sich Gelerntes merken?
- Versteht es komplexe Anweisungen und kann es sie befolgen?
- Erkennt es Farben und Formen?
- Kann nach vorgegebenen Kriterien zuordnen? z.B. Rund und klein, Dick und viereckig, …
- Kann es Sachverhalte verständlich ausdrücken und darstellen?
Wahrnehmung:
- Farben: Werden alle Misch- und Grundfarben richtig erkannt? Werden sie spontan oder erst nach Überlegung erkannt?
- Formen: Kennt das Kind alle gängigen Formen?
- Mengenerfassung: Kann das Kind Mengen spontan erfassen oder werden sie erst nach längerem überlegen oder abzählen richtig benannt?
- Gegensätzlichkeiten: Werden Gegensätze ( gross - klein, etc... ) richtig erkannt?
Sprachkompetenz
Damit sind die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder gemeint - sich auszudrücken zu können und verstanden zu werden. In Stresssituationen sprachlich in der Lage zu sein, sich und seine Wünsche verbal nach aussen vertreten zu können.
Sprache:
- Sprachfreudigkeit: Spricht das Kind gerne oder ist es gehemmt?
- Wortschatz: Sind alle Begriffe altersentsprechend vorhanden?
- Satzbau: Wie baut das Kind seine Sätze auf? Ist der Satz verdreht oder unvollständig aufgebaut?
- Sind Sprachstörungen vorhanden?
Motorische Kompetenzen
Ist das Kind altersgemäss körperlich entwickelt ?
Ohne eine altersgemässe Fein- und Grobmotorik hat das Kind grosse Probleme beim Schulbesuch.
Das Bewegungsverhalten
Grobmotorik: Hat das Kind harmonische Bewegungsabläufe und ist das Bewegungsverhalten der jeweiligen Situation entsprechend ?
Feinmotorik:
- Ist die Finger- und Handgeschicklichkeit (Zeichnen, Schneiden) vorhanden?
- Kann es sicher auf einer Linie schneiden und vorgegebene Linien einhalten ?
- Kann es zügig und sicher Malen oder ist es unsicher bei den Strichen ?
- Ist die Hand-Auge Koordination vorhanden?
Allgemeines:
- Ist die körperliche Entwicklung altersentsprechend?
- Kann das Kind Hüpfen, Balancieren, Rückwärtslaufen, auf einem Bein stehen, auf einer Linie laufen?
Selbstpflege
In diesen Bereich gehört alles zur Körperlichkeit des Kindes.
- Erkennt es seine Kleidung und kann es sich an und ausziehen?
- Übernimmt es Verantwortung für die eigenen Sachen?
- Kann es selbständig zur Toilette?
- Kann es körperliche Bedürfnisse mitteilen?
- Weiss es seine Adresse? Kann es in Notsituationen Angaben zu seiner Person machen?
Schulfähigkeit bedeutet ein Zusammenspiel aller dieser Kompetenzen.
Es muss nicht alles schon ausgereift und vorhanden sein. Kein Kind ist perfekt und kann alles sofort und auf Anhieb, dafür lernt es ja jeden Tag immer mehr und dazu. Und dazu geht es ja auch schliesslich in den Kindergarten.
Um das Zusammenspiel aller Kompetenzen zu fördern ist es sinnvoll, dass die Kinder im letzten Jahr in Vorschulgruppen zusammengefasst werden und es sollten gezielte Aktionen mit den Kindern stattfinden. Es stärkt das Selbstwertgefühl der Kinder und vermittelt ihnen etwas "besonderes" zu sein, Gruppengeschehen nur mit Kindern seines Alters zu erfahren.
Viele Einrichtungen machen ein Programm für die Vorschulkinder.
Die Kinder werden in Gruppen zusammengefasst und die Gruppen haben meist noch einen besonderen Namen: Schukis, Grossen-Treff, Toni-Treff, … der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Viele Einrichtungen haben für ihre Fördergruppen auch gesonderte Räume, so dass den Schulkindertreffs noch eine besondere Note gegeben wird.
Eine andere Förderidee ist es, den Kindern besonders Spielmaterial zur Verfügung zu stellen: Spiele, nur für die Grossen; Baumaterial für die Grossen; besonderes Material und Werkzeug zum creativem Schaffen; eine Experimentier-Ecke; vielleicht auch eine Ecke im Garten zur Bepflanzung ;) …
Kinder können im letzten Jahr auch schon Verantwortung für bestimmte Bereiche übernehmen oder kleinere Aufträge ausführen. Eine Idee ist es auch, mit den Schulkindern Ausflüge zu planen und durchzuführen. Die Schule wird besucht und der Unterricht kann erlebt werden. Polizei und Feuerwehr kann besucht werden, ein Bäcker, das Krankenhaus, ein Museum, Büchereien, eine Fabrik, … Es gibt viele Dinge, die man mit den Grossen unternehmen kann. Das wichtigste ist es aber, so bewusst wie man die "Einlebungsphase" in den Kindergarten gestaltet hat, so bewusst sollte auch der Abschied vom Kiga und der Start in den neuen Lebensabschnitt gestaltet werden.
Viele Kindergärten haben Rituale und Feiern, die jedes Jahr wiederholt werden:
Wichtig ist es, dass die Vorschulgruppen nicht nur auf die so genannten Vorschulangebote beschränkt werden, sondern das eine rundum Förderung in allen Bereichen stattfindet. Wichtig in dieser Phase ist es auch, die Eltern der Schulkinder auf dem Laufenden zu halten und mit ihnen regelmässig über den Entwicklungsstand der Kinder zu sprechen. Gerade dem letzten Jahr geben die Eltern die grösste Bedeutung.
Kinder erleben immer wieder Einschnitte in ihrem Leben. Umzüge, Grosseltern sterben, die ErzieherIn bekommt ein Kind, der beste Freund kommt nicht mehr, … Beim Wechsel vom Kindergarten in die Schule erfahren die Kinder einen grossen Einschnitt. Sie kommen von der "Spiel und Spass" Welt in eine "nur noch lernorientierte" Welt.
Nur bei einer intensiven Beobachtung und Förderung der Kinder können sie den Schritt gut bewältigen und werden fähig ihr Leben nun zu meistern.
© 2004 Bilder und Texte: Beate Schwegmann-Böttcher, Kramdose.de